Mittwoch, 6. Juni 2012

ARCHITEKTUR ESSEN

Gottfried Semper, zumeist für seine Bauten bekannt, feiert in der zeitgenössischen Architektur ein ungeahntes Revival, nämlich im Zweig der Theoretischen Architektur. Ein Bereich der angesichts  computergestalterischer Formfreiheit, der Machbarkeit durch Materialentwicklungen sowie der Komplexität von Projekten heutzutage versucht, seiner Disziplin fundiert Orientierung für ihr Handeln zu geben. Sempers theoretischer Ansatz zur Ur-Architektur, seine „karibische Hütte“ besteht aus fünf Elementen und besitzt eine der ungewöhnlichsten Komponenten, wenn man an Architektur denkt. Die Feuerstelle – Element der Versammlung und Ruhe nach Jagd und Wanderschaft. Es kennzeichnet Sempers Menschen als gemeinschaftliches Wesen und den Akt des Kochens, Essens und Beisammenseins als dessen essentielles Merkmal. Dieses gesellschaftliche Sein und Handeln kann als etwas, das sich zwischen Erwartungen und Regeln wiederfindet, sprich als diskursiver Prozess, der sich quer durch die Jahrhunderte bis ins Heute hinein in Entwicklung befindet, bezeichnet werden. Daher betrachtete Semper die Feuerstelle auch als „Element der Moral“ in seiner Architektur.

Einer der bekannteren Deutschen bei der Entwicklung zu unserem heutigen Verständnis von Moral war Bertolt Brecht, der mit seinem "Erst das Fressen, dann die Moral!“ im Jahre 1928, treffend gesellschaftlich pointierte und mit dieser einfachen Phrase einen der wohl hartnäckigsten Beiträge zum Alltag unserer modernen Gesellschaft lieferte. Diese Hierarchie der Handlungsmotivation wie sie Brecht so „einfach“ schilderte, ist seitdem weiter entwickelt und verfeinert worden, so dass eine Diskussion über menschliches Handeln sich heute rhizomartig verzweigen würde, daher also auch nicht mehr derart treffend wäre und somit auch nicht weiter thematisiert werden soll. Viel interessanter ist, dass parallel dazu auch die Entwicklung der räumlichen Komponente, sprich des Raumes um die Feuerstelle einhergeht. So spricht Semper hier noch von einem einzigen Raum, in dem die gesamte Gemeinschaft lebte und das Feuer höchstens von Steinen umsäumt wird.

Man stellt allerdings quer durch die Jahrhunderte fest, dass die künstlerischen „Fress“-Werke, à la Brecht, die unseren gesellschaftlichen Wandel aufzeigen, uns fortwährend eine wichtige Auseinandersetzung mit uns selbst und unserem Zusammenleben bieten. Ein ebenfalls wichtiges Beispiel Marco Ferreris Film „Das Grosse Fressen“, ein Werk welches 1973 seiner hedonistischen Konsum- und Überflussgesellschaft die Sinn-Freiheit des eigenen Strebens aufzeigte. Er karikiert im Film eine Gruppe von genusssüchtigen Menschen, die in ihrem Wahn den Tod durch Fressen als finales Vergnügen auserkoren haben. Damit führte er das reine Streben nach Genuss ad absurdum, da es als finale Konsequenz den Tod vorsieht. Spannend hierbei wiederum ist die Szenerie des Films in einer Pariser Villa. Der Baustein für die Darstellung des irdisch-ländlichen Paradieses. In diesem wird die räumliche Trennung von Speiselagerung, -zubereitung und -verzehr wenig thematisiert. Aber die bestehenden gesellschaftlichen Hierarchien bzw. Abhängigkeiten, welche die Villa als Bauwerk wie kaum ein anderes in sich trägt, werden durch das Flüchten der Prostituierten (des „Dienstpersonals“) dargestellt. Die klaffende Diskrepanz zwischen dem Streben des Villen-Padrone und den Prostituierten könnte nicht deutlicher sein, die selstzerstörerische Kraft so immens, dass diese über Jahrhunderte implementierte Struktur aufgegeben wird.

Kurzum, in eben dieser Rückbesinnung auf unser essentielles Sein und der bisher geführten Diskussion liegt das Potenzial, das in unserer gebauten Umwelt  heutzutage wieder zu beheimaten, was uns ausmacht – die Auseinandersetzung mit grundlegenden Bedürfnissen unseres Seins: Jagen, Kochen, Essen und Beisammensein. Der Stellenwert von Ernährung ist im Angesicht von Biosiegeln, Ökomarken und Direktvermarktern unverkennbar ein anderer als noch vor wenigen Jahren und in der Breitengesellschaft angekommen. Es entwickelt sich daraus also die Frage:

Welchen räumlich-funktionalen Ausdruck wird unser Bauch finden?

Autor:
Sebastian Kriegsmann

Quellen:
Bentmann, Reinhard & Müller, Michael: Die Villa als Herrschaftsarchitektur 
Behrens, Ulrich: Das große Fressen – Rezension 
Ferreri, Marco: Das große Fressen 
Maslow, Abraham: Maslowsche Bedürfnispyramide 
Brecht, Bertold: Die Dreigroschenoper 
Semper, Gottfried: Die Vier Elemente der Baukunst 
Descartes, René: Discours de la méthode 
Cicero, Marcu Tullius: De officiis 
Platon: Politeia

Kommentare:

  1. Ich habe deinen Blog-Artikel aufmerksam rezipiert: Du spannst ausgehend von der „sozio-architektonischen“ Idee der Ur-Feuerstelle, über die Moral einen interessanten Bogen zur Suche nach neuen baulichen Ausdrucksformen der Nahrungsaufnahme.
    Die Betrachtung der moralischen Komponente halte ich an dieser Stelle aber für entbehrlich, eben gerade wenn man den Ur-Impuls der Feuerstelle aufgreift, die wohl als sittlich reine Verkörperung des Schlichten und Einfachen gelten kann und daher moralisch wohl nicht in Frage gestellt werden muss. Eben erst das "Sich-Entfernen" von dieser Ur-Form der Feuerquelle im Laufe der Jahrhunderte (in etwa durch den Bau von Luxuslokalen und konsumorientierten Restaurantketten) manifestieren unter anderem ja den moralischen Verfall unserer Gesellschaft. Hier erscheint die Frage nach der Moral dann natürlich wieder mehr angebracht.
    Auch deine abschließende Frage zu räumlich-funktionalen Ausdrucksformen unseres Bauches halte ich für sehr interessant. Dabei stellt sich für mich v.a. die Frage, wen das Bauwerk zum Speisen beherbergen soll, ohne hierbei primär an die soziale Herkunft des Speisenden zu denken. Gerade wenn man die gemeinschaftliche Komponente des Essens und des Beieinander-Seins wieder stärker in den Vordergrund rücken will, sollten wir uns vielleicht an den Südländern orientieren. Dort spielt sich das kulinarische, und damit ja eben auch das soziale Leben viel in öffentlich-gastronomischen Einrichtungen ab, die einer anderen, eine breitere Masse ansprechenden (oder vielleicht auch gerade deshalb provozierend-individuelleren Architektur???!!!) bedürfen als der heimische Herd. Sicher wird letzterer immer wichtig bleiben: das traute Essen zu Hause im engeren Familienkreis kann ja als Ausdruck der Ur-Gemeinschaft „Familie“ par excellence angesehen werden.
    Thomas W. (Teil I)

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  2. Wenn wir nun jedoch an das Speisen in öffentlichen Einrichtungen, in etwa das Essen mit Freunden in einem Restaurant, denken, dann zeichnen sich eben diese Einrichtungen heutzutage oftmals durch eine moderne und damit für mich eher kühl wirkende Architektur, die sich von ihrer Konstruktion her in etwa größerer Glas- und Metallflächen bedient und Tische und Stühle weit voneinander entfernt positioniert, aus. Derart gestaltete Einrichtungen lehne ich persönlich ab, da sie meines Erachtens eher die Kälte und Distanz der heutigen Gesellschaft verkörpern. Eine mediterrane Architektur, die sich in etwa warmer Farben bedient, das Material Naturstein nutzt und sich durch kleine verwinkelte Sitznischen auszeichnet, halte ich persönlich für ansprechender, da sie die Menschen architektonisch bzw. raumgestalterisch zwingt, sich wieder näher zu ihren Mitmenschen zu setzen und sie somit dazu auffordert, sich ihrer Umwelt wieder anzunähern. Und eben nur hier entsteht beim Essen dann auch das Soziale!
    Da du deine Argumentation eng mit sozialen und damit eben auch soziologischen Komponenten verknüpfst sowie auch auf mediale Realisierungen des Essens, sprich bestimmte Filmtitel verweist, welche den Ort des Essens thematisieren, könnte die Diskussion um folgende weitere Punkte bereichert werden, auf die ich hier aus Platzgründen aber nur ansatzweise eingehen kann: Zum einen erscheint mir die Theorie der Orte und Nicht-Orte des französischen Soziologen Marc Augé aus den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als fruchtbringender Ansatzpunkt für weitere Diskusionen. In seiner Theorie stellt Augé den historisch gewachsenen und daher mit Erinnerung „aufgeladenen“ Orten, wie in etwa Kirchen, Denkmälern oder eben auch dem traditionellen Eck-Café oder dem innerstädtischen Markt, die (post-)modernen Transiträume gegenüber, sprich die (Nicht)-Orte des Flüchtigen wie in etwa Flughäfen, Bahnhöfe mit ihren riesigen, Transparenz nur suggerierenden Glasflächen sowie den darin befindlichen Café- und Restaurant-Ketten. Diese Theorie ist meines Erachtens hoch aktuell: Denken wir hierbei in etwa nur an den Einzug der riesigen Café- und Restaurantketten oder Brandings in unsere Innenstädte und die daneben befindliche, über Jahrhunderte gewachsene Kirche. Die Filme des französischen Regisseurs Jacques Tati, ich denke hierbei in etwa an Filme wie „Mon oncle" aus dem Jahre 1958 und „Playtime“ aus dem Jahre 1967, haben die Dichotomie zwischen Ort- und Nicht-Ort meines Erachtens bereits vorweggenommen bzw. vorausgedacht, denn auch in ihnen werden die Fragen der modernen Architektur und ihrer Kollision mit dem Traditionellen aufgegriffen und anhand des tollpatschigen Protagonisten, Monsieur Hulot, sowie dessen Unfähigkeit, sich in das Moderne einzufügen, in provokant-humoristischer Manier thematisiert.
    Thomas W. (2. Teil)

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